1770-1877
Doch Melchior Andreas Koessler, der bereits am Tage seiner Amtseinführung dem Markgrafen seine Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen mitteilte, erfüllte nur seinen Jahresvertrag. Die Zeichenschule allerdings hatte sich bewährt "zum Besten derer armen Waisen, die in Ansehung derer Fabriquen dieses Unterrichts mehr als andere bedörften".

Unter den Nachfolgern Koesslers ließen die Schülerzahlen merklich nach.
In einer Werbebroschüre von 1771 führte Christin, einer der drei Gründerväter der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie neben anderen Vorteilen von Betrieb und Standort - die Tatsache der von ihm und seinen Co-Entrepreneurs veranlassten (damals einmaligen) schulischen künstlerischen Ausbildung von Lehrlingen als Werbeargument für seinen Betrieb ins Feld.
Seit 1771 bestand für die Pforzheimer Lehrlinge die Möglichkeit, Unterricht im architektonischen Zeichnen zu nehmen, wofür die Stadt den sehr geschätzten Werkmeister Arlet beschäftigte.
Auch geometrisches Zeichnen wurde in der Pforzheimer Zeichenschule gelehrt.
Seit dem Jahre 1805 bestand in Pforzheim eine "Freihand-Zeichenschule" für die Schüler des Pädagogiums (der ehemaligen Lateinschule) und der Volksschule sowie für sonstige Freiwillige.
Ihr Zweck - so die Akten - sei auf die "Bildung guter Handwerker und feinerer Künstler sehr eingreifend" und "folglich vor hiesige Stadt sehr wichtig".

Im Jahre 1833 wurde diese Freihandzeichenschule als "Handwerkerschule" für die Pforzheimer "Gewerbelehrlinge" ausgebaut. Schon ein Jahr später schrieb die großherzogliche Staatsregierung, durch landesherrliche Verordnung, allen Städten mit größerer Industrie die Einführung von Gewerbeschulen vor. So wurde 1834 aus der "Handwerkerschule" die Gewerbeschule. Der Unterrichtsplan wurde erweitert, doch fehlte der Schule eine wirksame Organisation. Ein Unterrichtsfach nach dem anderen wurde eingestellt. 1838 wurde nur noch "Freihandzeichnen" gegeben.

1846 wurde Modellierunterricht mit je drei Wochenstunden für die zweite und dritte Klasse der Graveure und Goldschmiede eingeführt.
Nach den Revolutionsjahren 1848- 1849 nahm die hiesige Schmuckwarenindustrie einen ungewöhnlichen Aufschwung. Dies spiegelte sich in den Schülerzahlen wider. Betrug die Zahl der Schüler der Schmuckindustrie im Jahr 1844 noch 47 Klassenschüler und 30 Zeichengäste, "Bijouters", so stieg sie in den folgenden Jahren kontinuierlich weiter an; 1858-59 auf 375, 1870 waren es 441. Der wirtschaftliche Aufschwung von 1871 bis 1873 ließ die Zahlen von 57 auf 1024 schnellen. Die folgende Rezession bewirkte, daß im Jahre 1878 noch 530 Schüler angemeldet waren. Während der 80er Jahre besserte sich die wirtschaftliche Lage und brachte 1885 einen vorläufigen Höchststand von 1090 Schülern aus der Schmuckindustrie.

Der erste gedruckte Jahresbericht erschien für das Schuljahr 1851-1852. Unterrichtsfächer für die Bijouterielehrlinge waren: Freihandzeichnen, Ornamentmodellieren - es war die Zeit des Historismus -, deutsche Sprache und Aufsatzlehre, Wirtschaftslehre, Arithmetik und Naturlehre. Die Graveure besuchten noch das Projektionszeichnen.
Der vorhandene Schulsaal reichte nicht mehr aus. 1859 konnte ein Erweiterungsbau des Pädagogiums bezogen werden.

Im Schuljahr 1865- 66 war mit freiwilligem Zuschuss der Fabrikanten ein zweiter Zeichen- und Modellierlehrer angestellt worden.